Die Bürger von Koronn – Auszug

Nadja Messerschmidt „Die Bürger von Koronn“, Verlag C&N (im Erscheinen), Vorabdruck /Auszug: Drittes Bild – Unter der Sykomore. (Das Copyright für den Text liegt bei der Autorin.)

Drittes Bild

Unter der Sykomore

Amunet (überrascht): Anippe, schau, zwei Bäume und zwei Männer lagernd unter ihren Zweigen.

Anippe (aufgeregt): Das ist das Zeichen, Amunet. Ob‘s Griechen sind?

Amunet (besonnen): Fragen wir nach ihren Namen.

Anippe (skeptisch): Und wenn sie uns die falschen sagen?

Amunet (sich verbeugend): Ähla sabah!

Giorgios (sich ebenfalls verbeugend): Ähla sabah!

Amunet:  Amunet – Göttin des Geheimnisses.

Anippe: Anippe – Tochter des Nils.

Giorgios: Giorgios – Bauer.

Demetrios: Demetrios, mein Name spricht für sich selbst.

Anippe (betont neugierig): So seid Ihr Griechen?

Demetrios (sehr fest): So wahr wie diese Sykomore.

Amunet: Was tut Ihr hier?

Giorgios: Wir rasten, und … schmieden Pläne.

Amunet (blickt Anippe an): Ohaa!

Demetrios: Und Ihr?

Amunet (gespielt bescheiden): Ach wir, … wir sind auf einer Reise in den Süden.

Giorgios: Mit diesen Krügen, schwer beladen? Ist‘s Wein? Dann lasst ihn uns, wir könnten ihn vertragen.

Amunet (leicht schnippisch): Wein? Dann nennt es Wein. Doch geben können wir ihn nicht. Nach Philae, dem Tempel, dem Neuen, bringen wir die Krüge. Segen soll der eine  bringen, und wer von diesem trinkt, der wird sich offenbaren. Doch mehr verraten wir Euch nicht.

Giorgios: Aah! So habt Ihr damit einen Plan?

Anippe (schmunzelnd): Ein Plan könnt‘s werden.

Demetrios (freudig, mit Nachdruck, Giorgios gewandt): Es ist der Trank, von dem das Lande spricht, und auch die Alten, zur Weihung für den neuen Kult. – Gebt uns die Krüge, dass wir sie nach Philae tragen. `s ist Männerwerk, nicht Frauensache, solch schweres Zeug … der lange Weg, staubige Straßen, sengende Hitze, Straßenräuber, Banditen, falsche Priester, Schlangen, Vipern, Viren …

Amunet: Recht habt Ihr damit. Doch warum sollten wir vertrau‘n?? Denn wer schon so spricht von ‚Frauensache‘ hier  und ‚Männerwerk‘ dort … Doch egal! Viel schwerer wiegt für meine Zweifel, dass Ihr in unsern Göttern so viele Jahre lang doch nur die Euren saht – und sie uns damit nahmt! Und das sollt nun aufs Neue wiederkehren, wenn wir den Falschen geben unsern Trank?

Giorgios: Ja, wahr sprichst du. Doch heisst‘s nicht auch, dass nun schon Hundert Jahre Ihr es seid, die meinen, unsre Götter zu erschaffen? So wird es leicht für neue Kulte, Einzug zu halten.

Amunet (abfällig): Pah, so denk ich nicht!

Giorgios (versöhnend): Wir denken ebenso wenig in solcher Art. Doch soll dieser längst vergang‘ne Streit nun Boden sein für neue Herrschaft und, schlimmer noch, für ganz selbst gewollte, wo alle werden Sklaven sein, ganz gleich, ob Grieche, ob Ägypter. Und weil freiwillig eingegangen, wird man sie nicht spüren – ein Schlaftrunk ist sie selbst hernach. Saht Ihr sie nicht bereits, die Vorlesepriester und Sittenwächter der fremden Gesandtschaft im ganzen Land?

Anipppe (zu Amunet gewandt, aufgeregt, dann drängend): Sie versteh‘n uns, Schwester! Hörst du, wie er spricht? Wir können ihnen vertrauen, ihnen und ihren Plänen, sie sind‘s!

Amunet (zu Anippe gewandt, leise, beruhigend): Lass erst den zweiten sprechen. Da, schon hebt er an …

Demetrios (tritt vor, wendet sich an Anippe): Und noch etwas dazu! Glaubt Ihr daran, dass eine Statue, ein Stein, allein und ganz von selbst ein Schiff besteigen kann, um wiederum allein sich selbst als Gott in seinen eigenen Tempel zu verbringen? So gänzlich ohne menschlich Werk dabei?

Anippe: Nein! Auf keinen Fall! Wie sollte das gelingen? Bei der heiligen Cheops-Pyramide, NEIN!

Demetrios: Also zweifelt auch Ihr schon an dem neuen Kult, noch vor seinem Erscheinen? Bezweifelt gar den Traum des neuen Herrschers, dass da der schöne junge Gott, aus Sinope kommend, als Stele auf die Schiffsplanken getreten und sich selbst eingeschifft habe, einzig und allein, um, vorauseilend, ihn, den neuen Herrscher, zu begrüßen und zu krönen? Und bedenkt: Zwei Priester waren Zeugen dessen! Sie sah‘n die Stele wandern, ganz von allein.

Amunet (nachhakend): Ihr meint den neuen Serapis, den Gott aus Sinope, für den Beginn des neuen Wunders, an den nun alle glauben soll‘n

Giorgios: Der ist‘s …, genau. Doch, so denken wir, und hoffen, es zu teilen, es war ein Traum nur, kein Orakel, obgleich als solches ausgelegt und auch bezeugt. – Und, noch ein letzter Grund zum Zweifeln: Nur der, der träumt, kennt seinen Traum. Kann also alles in ihn legen. Denn jeder schläft doch ganz für sich, nicht wahr? So ist‘s doch klug und listig auch, auf einen Traum sich zu beziehen. – (zu Demetrios gewandt, leise) Und doch, ein TRAUM kann heilig sein. Es ist was Heiliges und Göttliches daran, zu träumen …

Demetrios (zustimmend nickend, dann zu den Frauen): Doch ganz im Ernst nun: Ich glaub es ebenso wenig. – Sag ich zu diesem Stein dort: ‚Lauf! Ich will‘s!‘,  doch bleibt er liegen, rührt sich nicht vom Fleck. So ist‘s mit Steinen. Und … tanzten sie auch im Wasser fort, so ist‘s das Wasser, das sie trägt, nicht umgekehrt. Und so die neue Büste, Stele.

Giorgios (mischt sich ein, lebhaft): Wen würdet Ihr in ihr erkennen? So sieht sie aus: Ein alter bärt‘ger Mann, kein junger, mit langem Haar, Getreidekörbchen auf dem Haupt und bärt‘ger Schlange. Sprecht ehrlich! Wen sähet Ihr darin?

Amunet (kichernd): Ein altes Vettel vielleicht, das seinem gleichwohl alten Weib beim Ernten hilft und ihr noch immer treu das Feld bestellt?

Demetrios: Und keinen Gott?

Amunet: Nein, weshalb ein Gott? Niemals wüchsen ihm Getreidehalme denn als Haar!(lacht) Nein, einen alten hilfsbereiten Mann, nichts mehr – und auch nichts weniger.

Demetrios: Seht Ihr, das seh‘n wir auch in ihm. Und nicht Serapis, der er nun sein soll.

Amunet und Anippe (im Chor, entsetzt): Wie … so soll er sein? Welch Schande! Nichts gegen alte Männer, aber das geht dann doch zu weit! – Doch nun auch eine Probe an Euch, Ihr beide!

Giorgios und Demetrios (ebenfalls im Chor, ungeduldig): Nur zu! Wir warten schon!

Demetrios (blickt nach unten, leise zu sich selber sagend): … und wie lange ich schon warte … (seufzt leicht, Giorgios stößt ihm unauffällig in die Rippen)

Amunet (scheint es überhört zu haben, wendet sich keck an Giorgios): Wie ist‘s mit dem? Was sehet Ihr darin: Ein Mensch mit Helm, ein Wesen, das trennen und verbinden kann, was nicht gemischt, mit einer Hand den Finger an den Mund gelegt und soviel Macht,  doch nicht viel größer als ein Kind …

Giorgios: Seh‘ ich‘s wohl, so auch ‚der Schweigende‘ genannt …

Demetrios: Harpokrates – Eros!

Anippe: Wohlauf! So schnell, ich staune, des Rätsels Lösung kennt auch Ihr. Habt ihn erkannt! So nehmt die Krüge, nehmt den Trank, denn Ihr habt uns lachen und sprechen lassen (lacht) – und selber gut gesprochen. Erklären werden wir Euch dann, wie‘s Frauensache, die Rezeptur, die Mischung von den beiden – denn darauf kommt es an.

Erzählerin: So trennten sich die Wege der Männer und der Frauen. Auf Philae würde man sich wiedersehen. Die Frauen, sie würden zunächst zieh‘n nach PUNT, dem Paradies des Volkes, Hathors Land. Die Männer sollten laufen nach Koronn, die Bürger zu versammeln, um von dort sich einzuschiffen zur Kapelle dieser großen Göttin und mit den Krügen auf Philae dann das Wunder zu erleben, wie sie, die Herrscher, sprechen.


<span>%d</span> Bloggern gefällt das: